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“Linke Barbarei” bei Stadtschlossabbruch
11.4.2008 von Dr. Volker Punzel.
In der Debatte zum Antrag des Landtagspräsidenten Gunter Fritsch, der für das auf dem Alten Markt in Potsdam in den Um- und Aufrissen des früheren Stadtschlosses zu errichtende Gebäude des Brandenburger Landtages die Wiederherstellung der historischen Fassade vorsieht, erklärte der CDU-Landtagsabgeordnete Wieland Niekisch am 10. April 2008 im Landtag: Mit dem Neubau nach historischem Vorbild könne klargemacht werden, dass “der Abriss des wiederaufbaufähigen Schlosses durch linke Barbarei nicht das letzte Wort der Geschichte ist”. Der Vizechef der CDU-Landtagsfraktion, CDU-Kreisvorsitzende in Potsdam und Stadtverordnete der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung ist dafür bekannt, dass er oft verbal um sich schlägt, ohne vorher darüber nachzudenken. Hauptsache die Wirkung ist erreicht. Und hinterfragt werden seine Sprüche sowieso kaum, auch nicht durch die Journalisten, wie das Beispiel des von Volkmar Krause in der MAZ vom 11. April 2008 auf S. 1 verfassten Beitrags zeigt.
Unbestritten ist, dass die Ruinen des bei der Bombardierung Potsdams am 14. April 1945 zerstörten Potsdamer Stadtschlosses im Jahr 1959 gesprengt und vollständig abgetragen wurden. Unbestritten ist auch, dass zu dieser Zeit eine von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) dominierte Stadtverordnetenversammlung und ein SED-Oberbürgermeister in Potdam für die Stadtpolitik verantwortlich zeichneten. Unbestritten ist auch, dass die Beseitigung der Überreste des “Horts des reaktionären Preußentums” einer der sehnlichsten Wünsche der von der SED dominierten Regierung der DDR war.
Die Überreste historisch bedeutsamer Gebäude wurden zu dieser Zeit, und sogar später, aber auch in anderen Teilen Deutschlands beseitigt oder waren für einen Abbruch vorgesehen. Und in diesen Fällen lag die Verantwortung bei Politikern, denen Herr Niekisch wohl kaum unterstellen möchte, dass es sich dabei um “Barbaren” gehandelt hat.
Beispiel 1: Braunschweig
Das Schloss in Braunschweig, auch Braunschweiger Residenzschloss genannt, war die Residenz der braunschweigischen Herzöge. 1718 errichtet, fiel es 1830 einem Brand zum Opfer. Das 1841 neu erbaute Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe schwer beschädigt. 1960 beschloss der Stadtrat von Braunschweig, die erhalten gebliebenen Überreste des Schlosses abzureissen. Die Entscheidung des von der SPD mit absoluter Mehrheit beherrschten Stadtrates erfolgte gegen den Widerstand von großen Teilen der Bevölkerung Braunschweigs. (siehe dazu auch: MAZ, Beilage, Ostern 2007, S. 1: Kallensee, Frank: Geschichte und Geschäfte. Potsdam will sein Schloss wiederhaben. Braunschweig hat es schon. Der Preis dafür war hoch. )
Beispiel 2: Berlin
Der Senat von Berlin-West hatte sich ebenfalls mit einem Schloss und mit dessen Schicksal zu befassen, mit dem Schloss Charlottenburg. Zwischen 1695 und 1712 erbaut bzw. ausgebaut, war es 1943 bei Bombenangriffen stark verwüstet worden. Die West-Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten sprach sich für die Wiederherstellung des Bauwerkes und seiner Außenanlagen aus. Der Senat und das Abgeordnetenhaus hatten jedoch - u.a. aus Kostengründen - den Abbruch der Ruinen ins Auge gefasst. Diesem Schicksal entging das Schloss Charlottenburg vor allem deshalb, weil Ende 1950 in Ost-Berlin die Überreste des dortigen Stadtschlosses beseitigt wurden. In einer Reihe mit den Kommunisten genannt zu werden, wenn es um den Umgang mit historischen Baudenkmälern ging, das wollten die West-Berliner Stadtoberen nun doch nicht. Aus diesem Grund vollzogen sie eine Kehrtwende. Das Schloss Charlottenburg wurde wieder aufgebaut.
Sicherlich gibt es auch in anderen Städten, Orten und Gegenden Deutschlands Beispiele für einen in der jüngsten Vergangenheit nicht immer freundlichen Umgang mit historischen Baudenkmälern. Doch auch heute sind viele auf uns aus der Vergangenheit überlieferte Bauwerke bedroht. Oftmals stehen sie finanziellen und wirtschaftlichen Ambitionen im Weg oder werden - aus Geldgründen - als nicht mehr erhaltbar angesehen. Handelt es sich dabei dann auch um Kulturbarbarei? Wenn ja, dann verteilen sich die “Barbaren” über das ganze politische Spektrum.
Geschrieben in Pressekritik, Geschichte, Politik | 1 Kommentar »
Potsdams Ersterwähnung
9.4.2008 von Dr. Volker Punzel.
Der Weg einer Urkunde
Wenn es ein historisches Dokument gibt, um das immer wieder gestritten wird, so ist das die am 3. Juli 993 von König Otto III. unterzeichnete Schenkungsurkunde. In ihr ist der Begriff “Potzupimi” enthalten. Daraus wird abgeleitet, dass Potsdam somit 993 erstmalig namentlich erwähnt worden sei. Im Jahr 1993 beging die brandenburgische Landeshauptstadt deshalb den 1000. Jahrestag der Ersterwähnung Potsdams. Lang ist die Liste von Veröffentlichungen, die die Auffassung von der im Jahr 993 erfolgten Ersterwähnung Potsdams argumentativ untermauern. In unserer Zeit besonders aktiv betätigte sich mit zahlreichen Veröffentlichungen diesbezüglich der Potsdamer Universitätsprofessor Helmut Assing. Doch seit einigen Jahren werden die Stimmen immer lauter, die Zweifel an der Echtheit der Urkunde von 993 hegen. Sie stützen sich auf die 2003 von dem Innsbrucker Professor der Rechtsgeschichte, Hans Constantin Faußner, aufgestellte Behauptung: Alle vor 1122 datierten so genannten Königsurkunden, gut 600 an der Zahl, sind Fälschungen. Als Fälscher macht er in einem vierbändigen Werk den von 1098 bis 1158 lebenden Abt von Stablo, Corvey und Monte Cassino, Wibald, dingfest. Ob dieser in seinem “Atelier für kreative Diplomatik, Schreibe- und Malkunst” unter anderem auch die Urkunde vom 3. Juli 993 hat anfertigen lassen, ist nicht nachweisbar. Aber eindeutig nachweisbar ist bislang auch nicht, dass die Urkunde wirklich am 3. Juli 993 schon existiert hat.
Ein Weg wäre, das vorhandene Exemplar der Urkunde mit naturwissenschaftlichen Methoden auf sein Alter zu untersuchen. Helmut Assing geht in seinen Arbeiten einen weiteren Weg. Er leitet aus der Untersuchung der gesellschaftlichen und machtpolitischen Verhältnissen der Zeit um 993 die Begründungen für die mögliche Existenz der Schenkungsurkunde ab. Ein dritter Weg, der bislang noch nicht beschritten wurde, der aber vielleicht die verlässlichsten Auskünfte zu erbringen vermag und auf den hier kurz eingegangen wird, ist der, den Weg der Urkunde durch die Jahrhunderte hindurch zu erforschen.
Die Schenkungsurkunde vom 3. Juli 993 und ihr Inhalt wurden der Öffentlichkeit zum ersten Mal im Jahr 1712 bekannt. In diesem Jahr erschien in Leipzig eine 702 Seiten starke Quellenedition. Ihr Titel “Antiqvitates Qvedklinburgenses, Oder Keyserlichen Freyen Weltlichen Stiffte Qvedlinburg: Sampt einigen alten Siegeln und nachrichten so hiezu dienlich. Aus den Abteylichen und Pröbsteylichen Archiv zusammen getragen von D. Friderich Ernst Kettner”. Die Urkunde vom 3. Juli 993 war eines der darin veröffentlichten Dokumente. Bis zum Erscheinen der Quellenedition von Kettner hatte offensichtlich niemand gewusst, dass es ein solches Dokument überhaupt gab. Gefunden hatte er es im Archiv des bereits 936 von den Ottonen gegründeten Freien Weltlichen reichsunmittelbaren Stifts Quedlinburg. Wie es dorthin gelangt war bzw. seit wann es dort lag, teilt Kettner in seiner Arbeit nicht mit. Genau so wenig beschäftigte ihn die Frage, ob das in der Urkunde erwähnte “Potzupimi” identisch war mit der an der Havel sich seit 1660 zur Residenzstadt entwickelnden Potsdam. Das nahm ihm Jacob Paul Gundling ab.
Jacob Paul Gundling, unter König Friedrich I. und nach einer erzwungenen zeitweiligen Unterbrechung später auch unter dessen Sohn (König Friedrich Wilhelm I.) - als Hofhistoriograph tätig, schreibt in seiner 1724 erschienenen Arbeit “Brandenburgischer Atlas oder Geographische Beschreibung der Chur-Marck Brandenburg” unter dem Stichwort “Potsdamm”: Diese Stadt ist eine der ältesten dieses Landes, welche schon zu Zeiten der Kayser Otten des Grossen in denen Quedlinburgischen Brieffschaften gedacht wird.” Gundling verweist als Beleg auf die von Kettner 12 Jahre zuvor veröffentlichte Urkunde. Er gibt ihr damit eine offizielle Bestätigung als “Ersterwähnungserkunde” und stellt als erster den Zusammenhang zwischen “Potzupimi” und “Potsdamm” her. Ohne über schlüssige Beweise zu verfügen, setzte Gundling Potzupimi und Potsdam gleich. Vielleicht wollte er damit Friedrich Wilhelm I., der ihn sowohl förderte als auch schikanierte, einen Gefallen tun. Stolz auf die Geschichte seines Geschlechts, musste es für des “Soldatenkönigs” Seele wie Balsam gewesen sein, mit Potsdam eine Residenz- und Garnisonstadt zu besitzen, die bereits 993 unter den Ottonen Erwähnung gefunden hatte. Kaum eine andere Stadt Brandenburgs, auch das wesentlich größere Berlin, konnte eine so lange Geschichte aufweisen.
Alle auf Gundling folgenden und sich mit der Geschichte Potsdams befassenden Personen verwenden den von ihm behaupteten Zusammenhang unkritisch. In Frage gestellt wurde von ihnen auch nicht die Echtheit der Urkunde. Bis auf den heutigen Tag ist keine Arbeit bekannt, die sich mit der Frage auseinandersetzt, welchen Weg die Urkunde bis zu ihrer erstmaligen Veröffentlichung im Jahr 1712 zurück gelegt hatte und bis wann, rückwärts betrachtet, ihre Existenz eindeutig nachweisbar ist.
Auch Kettner interessierte das Schicksal dieser einzelnen Urkunde nicht. Im Briefwechsel mit Gottfried Wilhelm Leibniz - mit dem er über verschiedene Ecken verwandt war - informierte er den Universalgelehrten über einzelne Aspekte der Geschichte des Freien Weltlichen Stifts zu Quedlinburg. So teilte Kettner in einem Brief u.a. mit, dass der sächsische Kurfürst Ernst, als er 1477 Quedlinburg eroberte, die besten Urkunden des Stifts nach Wittenberg habe bringen lassen. Um welche Dokumente es sich dabei gehandelt habe, gibt er jedoch nicht an.
Die Urkunde vom 3. Juli 993 wird im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalts in Magdeburg aufbewahrt. Dort wartet sie darauf, dass sich ein Historiker der Erforschung des Weges annimmt, den sie im Verlauf der Geschichte zurücklegen musste.
Aktuelle Interpretationen des Namens “Potztupimi” im Internet:
- Universität Potsdam, Institut für Slawistik
- Literaturport Berlin-Brandenburg
- Wikipedia
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Gartenstadt zwischen Tradition und Moderne
9.4.2008 von Dr. Volker Punzel.
Lennè und Pückler-Muskau, diese Namen fallen spontan ist von Potsdams Gärten und Gartengestaltern die Rede. Fast acht Prozent des Stadtgebietes werden von Grünanlagen belegt. Doch nicht alle wurden von Lennè bzw. Pückler-Muskau gestaltet. Namen, wie Foerster, Mattern, Göritz, Ebert, Altmann oder Wimmer stehen für die Fortsetzung der Potsdamer Gartenbautradition im 20. Jahrhundert. Und die Gartengestalter des 19. Jahrhunderst hatten ihre Vorläufer.
Gartengeschichte ist Menschengeschichte. Menschen waren es, die Pflanzen wählten, Materialien und Formen, die den Garten ausmachen. Die in den Gärten der Hohenzollern tätigen Gärtner spielten Jahrhunderte lang eine wichtige Rolle in der Gartenkunst und Pflanzenkultur. Einige von ihnen hinterließen ihre Handschrift auch an öffentlichen Anlagen und privaten Gärten in Potsdams Stadtgebiet.
Joachim Ludwig Heydert (1716 bis 1794) gestaltete für Friedrich II. u.a. die Gartenpartie unterhalb der Bildergalerie im Park Sanssouci. Das sogenannte Thiemann-Haus in der Friedrich-Ebert-Straße, nördlich des Nauener Tores, war über lange Jahre sein Wohnsitz und Ort seines gärtnerischen Wirkens. Weitverzweigt und in Potsdams Stadtgeschichte zahlreiche Spuren hinterlassend war die Familie Sello. Bereits unter Friedrich II. wirkte Johann Samuel Sello (1724 bis 1787) als Hofgärtner in Potsdam. Der Hofgärtner Kaiser Wilhelms II., Ludwig Emil Walter Sello, schloss 1893 in Potsdam seine Augen. Sein Verwandter, Hermann Sello, war im Zuge der von Peter Joseph Lennè angeregten Verschönerung der Insel Potsdam tätig. Er gestaltete unter anderem die Wegeanlagen, welche sich auf der Insel längs der malerischen Havelufer hinziehen.
Im 19. Jahrhundert wurden unter Friedrich Wilhelm IV. umfangreiche Anstrengungen unternommen, die Stadt Potsdam mit der sie umgebenden Landschaft zu einem Gesamtkunstwerk zu formen. Während die Architekten Schinkel und Persius städtebauliche Akzente setzten, schuf Lennè in seinem ersten Landschaftsverschönerungsplan von 1833 ein System von Landschaftsgärten, Grünverbindungen und Ufergestaltungen. Die Potsdamer Kulturlandschaft wurde zu einem “Arkadien”, das die räumliche Enge gärtnerischer Anlagen durchbrach und mit einem differenzierten System von Blickbezügen einen inneren Zusammenhalt besaß. Als zentrales Element bot das Wasser die Möglichkeit, das Werk wie ein Panorama zu betrachten und zu durchfahren. Die bewaldeten Höhen entlang der gegenüberliegenden Gewässerufer bildeten hierzu die grüne Kulisse und einen schönen Kontrast. Ebenfalls nach Plänen Lennè gestaltet wurden der einstige Wilhelmplatz (heute: Platz der Einheit) sowie der Bassinplatz.
Eng verbunden mit dem Namen des Staudenzüchters Karl Foerster ist die Freundschaftsinsel. In Zusammenarbeit mit Hermann Mattern legte er dort 1937 einen großen Schau- und Sichtungsgarten an. Eine Vielzahl winterharter Blütenstauden sollten auf der Insel in ihrer Entwicklung beobachtet werden können. Die Züchtung der Stauden selbst erfolgte in den Foerster`schen Anlagen in Bornim.
Akzente für die Gestaltung privater Gärten setzte über Jahrzehnte Hermann Göritz. Der an seinem Wohnhaus (Nordhang des Drachenberges) angelegte Garten war bis zu seinem Tod stets für Besucher und Interessenten geöffnet. Ein besonderes Beispiel moderner Gartengestaltung ist in der Ribbeckstraße in Bornstedt zu sehen. Das Grundstück gehört der Familie des bekannten Modegestalters Wolfgang Joop.
Die Bundesgartenschau, die Potsdam im Jahr 2001 ausrichtete, verknüpfte den gartengestalterischen Bogen zwischen den Gärtnermeistern des 17. und 18. Jahrhunderts, mit denen der Neuzeit und jenen der neuesten Zeit. Zugleich verdeutlichte sie mit der Neugestaltung des einstigen Manövergeländes Bornstedter Feld, dass Potsdam mit seiner militärischen Vergangenheit endgültig gebrochen und das Tor zu einer gartengestalterischen Zukunft geöffnet hat.
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