Archive für 27.4.2008

Aufruhr in “Klein Holland”

Eine neu gegründete Interessengemeinschaft Holländisches Viertel e.V. “will Handel, Gewerbe und Gastronomie im historischen Karree unterstützen und dabei auch die dort ansässige Kultur stärken”. Werbung und Veränderungen seien dringend nötig, so der Vereinsvorsitzende Marten Klinger. Einige Händler stünden mit dem Rücken an der Wand, weil der Umsatz nicht ausreiche. Nun könnte jene Händler bemitleiden, die geschäftliche Probleme haben. Doch das ist nicht erforderlich. Und auch die Notwendigkeit eines neuen Vereins wird nicht nur von Außenstehenden angezweifelt, sondern auch von im Holländischen Viertel ansässigen Gewerbetreibenden.

Es gibt in Potsdam kein zweites Geschäftszentrum, in dem so exklusive Rahmenbedingungen für den Handel herrschen, wie im Holländischen Viertel. Schon seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre können die Geschäftsleute sieben Tage in der Woche ihre Produkte an die Frau oder den Mann bringen. Als “touristischer Bedarf”, der auch an den Wochenenden und zu den Feiertagen verkauft werden darf, zählen hier ebenfalls Bekleidung oder Einrichtungsgegenstände für die Wohnung. Einmal im Jahr, zum Tulpenfest, wird das Holländische Viertel weiträumig abgesperrt und nur gegen Zahlung einer Eintrittsgebühr ist der Wochenendeinkauf gestattet. Zweimal jährlich, im Frühling und im Herbst, findet in der Mittelstraße ein Töpfermarkt statt. Und im Dezember jeden Jahres reitet Sinterklaas auf seinem weißen Schimmel zur Holländischen Weihnacht in Potsdam ein.
Darüber hinaus wird jede Touristengruppe, die Potsdam besucht, auch durch das Holländische Viertel geführt. Und das einzigartige Beispiel niederländischer Baukunst des 18. Jahrhunderts außerhalb der Niederlande wird in jedem Reiseführer und in den Medien deutschlandweit und international beschrieben. Und nun fordert ein Herr Marten Klinger, beruflich als Anzeigenberater für die Potsdamer Neuesten Nachrichten tätig, mehr Werbung.

Wenn ein Gewerbetreibender geschäftlich nicht erfolgreich ist und er schon gute Rahmenbedingungen hat, um seinem Geschäft nachzugehen, liegt es doch wohl an ihm. Wenn es einem Geschäftsmann auch nach Jahren Geschäftstätigkeit nicht gelungen ist, sich einen stabilen Kundenstamm aufzubauen, so liegt es doch wohl in erster Linie an ihm. Und wem es nicht gelingt, sich von der in großen Scharen durch das Holländische Viertel laufenden Kundschaft, sich seinen Teil an Kunden zu sichern, der sollte sein Geschäftsgebaren überprüfen und nicht die Zeit mit dem Singen von Klageliedern vergeuden.

Nun hat sich aber eine Interessengemeinschaft gegründet und da sie sich nun schon einen Vorstand gegeben und auch das Vereinsregister mit dem Eintragen des Vereins belästigt hat, sollte sie nun etwas tun. Doch die Vorstandsmitglieder wissen vermutlich nicht, worin ihr Tun bestehen könnte. Zu sehr waren sie offensichtlich damit beschäftigt, ihr Ego zu pflegen und den öffenlichkeitswirksamen Auftritt der letzten Woche vorzubereiten, als sich mit der aus Kleinarbeit bestehenden Situationsaufarbeitung im Holländischen Viertel zu befassen und daraus Schlußfolgerungen für zu bewältigende Aufgaben abzuleiten. Das einzige, was sie uns anbieten können lautet: Anwohnerparken raus aus dem Holländischen Viertel.

Und bezüglich des Anwohnerparkens gleiten die Ankündigungen der IG Holländisches Viertel ins Lächerliche ab. Es ist noch nicht sehr lange her, dass die Gewerbetreibenden der Innenstadt und auch die des Holländischen Viertels von der Stadtverwaltung gefordert hatten, möglichst freizügig mit dem ruhenden Verkehr umzugehen, sowohl mit den Autos der Kunden als auch mt denen der Anwohner. Alle Hinweise auf die vom ruhenden Verkehr ausgehenden Belästigungen und auf die Alternative “Parkhaus” waren immer wieder mit dem Hinweis abgeschmettert worden, dass der Kunde möglichst nah an den Geschäften mit seinem Auto zum Stehen kommen wolle und es ihm nicht zugemutet werden könne, die Einkäufe vom Geschäft zum Parkhaus zu tragen. Gewerbetreibende, die der Meinung der Stadtverwaltung bezüglich einer Verkehrsberuhigung gefolgt waren, hatten keinen leichten Stand.

Die Führung der neu gegründeten Interessengemeinschaft wäre nicht nur hinsichtlich der Verkehrsfragen gut beraten gewesen, sich mehr mit der Geschichte der jüngsten Zeit im Holländischen Viertel zu befassen, sondern auch in Bezug auf die von den Gewerbetreibenden selbst entwickelten Vereinsaktivitäten. Denn bereits Ende 1994 war im Holländischen Viertel eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen worden, die “Interessengemeinschaft der Gewerbtreibenden im Holländischen Viertel” (IG Holländisches Viertel).

Pressebeiträge über die Gründung der IG Holländisches Viertel:
- Märkische Allgemeine Zeitung vom 26. April 2008
- Potsdamer Neueste Nachrichten vom 26. April 2008

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